Die erste Reise

Es war nicht nur meine erste Reise im Rahmen dieses Projekts, sondern auch meine erste Reise in den Norden Brasiliens.

Zwischen meiner Ankunft in Manaus und dem Rückflug im April 2026 vergingen 16 Tage. Acht davon verbrachte ich auf dem oberen Rio Negro und den Flüssen Içana und Ayari, wo wir acht Gemeinden besuchten und mehr als tausend Kilometer mit dem Boot zurücklegten.

Gesehen habe ich nur einen kleinen Teil der Region, die als „Cabeça do Cachorro“ (Hundekopf) bekannt ist und im äußersten Nordwesten des brasilianischen Amazonasgebiets liegt. Trotzdem war es eine der beeindruckendsten Reisen meines Lebens.

Manche Orte faszinieren durch ihre Landschaften. Andere durch die Menschen. Wieder andere durch unerwartete Erlebnisse. Hier fand ich all das zugleich.

v.l.n.r.: Aloísio Cabalzar (ISA), Edison Gomes (FOIRN), Dario Casimiro (FOIRN), Helio Géssem (FOIRN), Adriano Abila (Klimabündnis), Janete Alves (FOIRN)

Eine starke Organisation

Bevor wir zu den Gemeinden aufbrachen, hatte ich die Gelegenheit, die Mitarbeitenden, die Direktion und die verschiedenen Fachbereiche der FOIRN kennenzulernen.

Besonders beeindruckt hat mich die Kombination aus Professionalität, Fachwissen und klarer Zielorientierung. In vielen Jahren in großen Unternehmen habe ich nur selten so viele Beispiele guter Praxis erlebt.

Alle Gespräche machten deutlich, dass die unterschiedlichen Bereiche auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten: den Aufbau echter indigener Selbstbestimmung – auf Grundlage von Fachkompetenz, wirtschaftlicher Nachhaltigkeit und guter Governance.

Klimabündnis ist stolz darauf, die Entwicklung der FOIRN über viele Jahre begleitet zu haben. Nach mehr als drei Jahrzehnten Partnerschaft ist es inspirierend zu sehen, wie eine Organisation zunehmend bereit ist, ihre Zukunft selbstbewusst und eigenständig zu gestalten.

Gemeinschaften, die den Wald schützen

Nach den Besuchen rief ich meine Mutter an und sagte etwas, womit ich selbst nicht gerechnet hatte: Viele Lebensbedingungen erinnerten mich an das Haus meiner Großmutter auf dem Land im Bundesstaat São Paulo Ende der 1970er Jahre. Mehr als fünfzig Jahre später haben zahlreiche Gemeinden am Rio Negro noch immer keinen verlässlichen Zugang zu Strom, Trinkwasser oder sanitären Einrichtungen.

Die Frage drängt sich auf: Wie kann man den Wald schützen, ohne den Menschen, die dort leben, ein würdevolles Leben zu ermöglichen?

Lebendige und starke Gemeinschaften brauchen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und Ernährungssicherheit. Waldschutz bedeutet nicht Verzicht auf Lebensqualität – vielmehr ist das Gegenteil der Fall.

In Santa Isabel lernte ich die neu gegründete Vereinigung Kalipana kennen. Sie unterstützt Kleinbäuerinnen und Kleinbauern dabei, institutionelle Märkte wie Schulen oder staatliche Einrichtungen zu beliefern.

Während der Gründungsfeier lief Musik aus den Lautsprechern – ein mitreißender Rhythmus aus dem Norden Brasiliens, dessen Text von traditionellem Wissen und kulturellem Erbe handelte. Ich fragte, wer die Sängerin sei.

Die Antwort überraschte mich:

„Die haben wir mit KI erstellt.“

Ein kleines, aber eindrucksvolles Beispiel dafür, wie neue Technologien zur Stärkung indigener Kultur beitragen können.

Bild oben: Berge in der Nähe von Tunuí Bild unten: Sonnenaufgang in Santa Isabel

Entfernungen und ZeitIm Amazonasgebiet wirkt alles weit entfernt.

Die Reise von São Gabriel da Cachoeira bis zur Gemeinde Canadá entspricht ungefähr einer Autofahrt von Wien nach Innsbruck – eigentlich sogar bis Landeck. Mit einem entscheidenden Unterschied: Unterwegs gibt es keine Tankstelle. Der Treibstoff für die Rückfahrt muss von Anfang an mitgeführt werden.

In jeder Gemeinde wurden wir außerordentlich herzlich empfangen. Jung und Alt kamen, um uns zu begrüßen. Übertrieben? Vielleicht. Die Gastfreundschaft ist zweifellos ein Teil der Erklärung, wie in vielen Regionen Brasiliens. Der andere Teil ist einfacher: Besuche von außen sind selten.

Wir wurden empfangen, als wären wir die ersten Gäste seit langer Zeit – vielleicht, weil wir es tatsächlich waren.

Viele Gemeinden sind es gewohnt, Herausforderungen mit ihren eigenen Ressourcen, ihrem Wissen und ihrer Erfahrung zu lösen. Das gilt für die Stromversorgung ebenso wie für innovative Projekte, etwa ein Boot mit Elektromotor in der Gemeinde Canadá. Wenn Unterstützung ausbleibt, werden Kreativität und Eigeninitiative zur Notwendigkeit.

Vor der Reise war ich überzeugt, genügend freie Zeit zu haben. Ich nahm einen Roman von Dostojewski und eine Liste unerledigter Aufgaben mit. Von beidem blieb fast alles unangetastet.

Die Landschaften waren zu faszinierend, die Tage zu abwechslungsreich. Zwischen Bootsfahrten, Gesprächen, Mahlzeiten und Aktivitäten verging die Zeit erstaunlich schnell. Dostojewski hätte die Reise vermutlich genossen – gelesen wurde er allerdings kaum. Dafür machte er meinen Rucksack etwas schwerer.

Erfahrungen

Ich sage oft, dass diese Reise ein einmaliges Erlebnis war. Eines jener Erlebnisse, die man vermutlich nur einmal im Leben macht.

Allerdings sollte man bereit sein, die eigene Komfortzone zu verlassen.

Schlafen

Bei jeder Ankunft bestand die erste Aufgabe darin, die Hängematte aufzuhängen.

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich über längere Zeit in einer Hängematte schlief. Zu meiner Überraschung schlief ich besser als in manchem Hotelbett.

Als ich nach São Gabriel da Cachoeira zurückkehrte, vermisste ich sie sogar.

Baden

Nachdem die Hängematte aufgehängt und die Sachen verstaut waren, ging es mit Seife und Handtuch zum Fluss.

Mit Ausnahme von Tunuí fanden alle Bäder direkt im Rio statt – an denselben Stellen, an denen die Boote anlegten. Dort wurde nicht nur gebadet, sondern auch rasiert, Zähne geputzt und Geschirr gespült.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Gemeinde Pirapucu am Rio Negro: ein felsiger Uferbereich, klares Wasser, angenehme Strömung und ein wunderschöner Blick über den Fluss.

Zwei Bäder pro Tag waren die Regel. Bei 28 Grad Wassertemperatur fiel es schwer, sich auf zwei zu beschränken.

Bild oben: typische Alltagsmahlzeit Bild unten: Açaí mit Maniokmehl

Mahlzeiten

In allen Gemeinden wurden die Mahlzeiten gemeinschaftlich zubereitet und im Gemeindezentrum serviert.

Einige Speisen brachten wir selbst mit, darunter Reis, Bohnen und Hühnerfleisch. Fischgerichte und Produkte aus Maniok stammten dagegen aus der Gemeinde.

Mittag- und Abendessen waren stets ein kulinarisches Highlight. Besonders die Vielfalt der Fischgerichte beeindruckte mich. Mein Favorit war Biju – ein traditionelles Fladenbrot aus Maniokmehl, einfach, schmackhaft und perfekt in Kombination mit Fischbrühe.

Frühstück

Die größte Umstellung war der Verzicht auf Brot. Die Hauptrolle spielte Açaí, serviert als Getränk oder Brei, oft zusammen mit Maniokmehl oder Tapioka.

Zu meiner eigenen Überraschung vermisste ich nach der Rückkehr eher das Açaí als das Brot.

Herzlicher Empfang in Santa Isabel

Gehört werdenJede Ankunft in einer Gemeinde fühlte sich wie Teil einer großen Zeremonie an.

Begrüßung, Vorstellungsrunde, Abendessen, Gespräche und kulturelle Beiträge gingen fließend ineinander über. Alle Gäste wurden eingeladen, einige Worte zu sagen – und mit wenigen Worten kam man nicht weit.

Anfangs war ich etwas nervös. Meine Kolleginnen und Kollegen, insbesondere die indigenen Vertreterinnen und Vertreter, sprachen mit beeindruckender Selbstverständlichkeit vor der Gemeinschaft. Mit der Zeit begann auch ich, diese Momente zu genießen und meine eigene Geschichte zu teilen.

Die Veranstaltungen boten zugleich Raum für die Anliegen der Gemeinden. In Tunuí übergaben lokale Führungspersonen beispielsweise ein Schreiben mit ihren Anliegen direkt an den Präsidenten der FOIRN. Es ging dabei um weit mehr als Forderungen. Es war ein Ausdruck von Dialog, Beteiligung und gegenseitigem Respekt.

In Santa Isabel führten Schülerinnen und Schüler ein kleines Theaterstück auf, in dem Tiere des Waldes über den Klimawandel diskutierten. Jede Figur hatte eine Stimme. Jede wurde gehört. Es war nur ein Schulprojekt – und zugleich ein Spiegel einer Kultur, in der Zuhören und gemeinsames Entscheiden selbstverständlich sind.

Wanderungen durch den Wald

Ein Wald voller Überraschungen

In der Gemeinde Canadá unternahm ich zwei Wanderungen durch den Wald.

Die erste führte zu lokalen Projekten in Landwirtschaft, Fischzucht und Geflügelhaltung. Die zweite ging mehrere Kilometer tief in den Wald hinein zu einem möglichen Standort für ein kleines Wasserkraftwerk.

Ich muss zugeben: Der Amazonaswald überraschte mich.

Ich hatte riesige Bäume und üppige Vegetation überall erwartet. Stattdessen fand ich sandige Böden und eine Landschaft, die vielerorts zurückhaltender wirkte, als ich es mir vorgestellt hatte.

Ein Blick auf den Boden genügte, um den Grund zu verstehen. Der sandige Untergrund erinnerte mich manchmal eher an einen Aufenthalt am Meer als an den Amazonas.

Und doch beeindruckt der Wald durch sein Gleichgewicht. Ein scheinbar einfacher Lebensraum trägt eine außergewöhnliche Artenvielfalt und ernährt Gemeinschaften, die seit Generationen mit ihm leben.

Die Abschlusszeremonie in Canadá

Mehr als eine Reise

Die Region Cabeça do Cachorro umfasst ein riesiges Gebiet und ist dennoch nur ein kleiner Teil des brasilianischen Amazonas.

Ich habe nur einen Bruchteil dieser komplexen Realität kennengelernt.

Trotzdem hat mir die Reise ein viel konkreteres Verständnis der Herausforderungen vermittelt, denen die Gemeinden, die FOIRN und alle Beteiligten beim Schutz indigener Territorien begegnen.

Nach mehr als drei Jahrzehnten Partnerschaft wird deutlich, dass die FOIRN bereit ist, eine noch stärkere Rolle als Gestalterin ihrer eigenen Zukunft einzunehmen.

Die Stärkung indigener Gemeinschaften bedeutet bessere Lebensbedingungen, mehr Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel und den Schutz einer der wichtigsten Regionen unseres Planeten.

Im Amazonas gehören Menschen und Wald untrennbar zusammen.